Auch beten will gelernt sein
Es war in den achtziger Jahren. Wir waren mit einer Gruppe von 30 Jungs zwischen 15 und 17 Jahren zu einer Bibelrüstzeit in Reinhardtsdorf in der sächsischen Schweiz zusammen. Wir wohnten im Pfarrhaus, einer alten Scheune und in Zelten. Die wunderschöne alte Kirche konnten wir zur Morgenandacht nutzen. Nach dem gemeinsamen Abschluss am Abend luden wir alle zur Gebetsgemeinschaft in diese Kirche ein. Jeder durfte, keiner musste kommen. Gebet kann man nicht verordnen. Die kamen saßen auf Sitzkissen in Altarraum. Einzig eine Kerze erhellte die dunkle Kirche spärlich. Für die meist Jungs war das eine ganz neue Erfahrung. Manche beteten zaghaft laut, andere schwiegen, waren aber dabei. Einer betete sehr gern, das war zu merken. Und er betete zunehmend länger. Schließlich so ausführlich, dass sonst kaum jemand zu Wort kam. Vielleicht hatte er die Mahnung des Paulus: „Betet ohne Unterlass“ falsch verstanden und betete ohne Luft zu holen. Wir hatten das schon angesprochen, aber ohne Erfolg. Und so geschah es, dass an einem Abend sein Gebet endlos schien, es wurde schon unruhig unter den Jungs, bis ich laut und deutlich mitten hinein in sein Gebet „AMEN“ sagte.
Alle schreckten zusammen, der Beter stockte und schwieg. Wir beendeten die Runde und verließen die Kirche. An die weiteren Reaktionen kann ich mich nicht mehr erinnern und ob mein AMEN Langzeitwirkung hatte, weiß ich auch nicht. An dieses Erlebnis musste ich denken, als ich folgendes Bibelwort gelesen habe:
„Sei nicht schnell mit deinem Munde und lass dein Herz nicht eilen, etwas zu reden vor Gott; denn Gott ist im Himmel und du auf Erden; darum lass deiner Worte wenig sein.“ Prediger 5,1
In der Übersetzung „Hoffnung für alle“ lautet der Vers: „Denk erst nach, bevor du betest, sei nicht zu voreilig! Denn Gott ist im Himmel, und du bist auf der Erde – also sei sparsam mit deinen Worten!“
Das klingt ja fast wie eine Warnung, zumindest wie ein wichtiger Hinweis. Der Hinweis ist berechtigt, denn wer betet hat Audienz beim Schöpfer, dem Herrn von Himmel und Erde.
Wer eine Audienz bei einem Mächtigen dieser Welt hat, der bereitet sich vor, und redet nicht unüberlegt daher. Sollte das bei Gott anders sein? Und wer immer nur selbst redet, der erwartet offenbar gar nicht, dass Gott mitreden und antworten will.
Der englische Baptistenpastor und bekannte Prediger Spurgeon hat es so formuliert:
„Beten ohne Inbrunst ist so gut wie jagen mit einem toten Hund; beten ohne innere Vorbereitung ist so gut wie mit einem blinden Falken auf die Beize gehen.“
Auch beten will also gelernt sein. Nicht umsonst bitten die Jünger Jesus: Herr, lehre uns beten. Und Jesus gibt ihnen das Vaterunser.
Man kann beten lernen, aber man kann es auch verlernen und das ist schlimmer, als zu viele Worte zu machen.
Christoph Wolf
